Ligurien/Piemont 2009

Im September 2009 machten wir (Matze und ich) uns auf den Weg in die Alpen um diese von einer für uns bisher unbekannten Seite zu erfahren. Wir wollten die Alpen abseits der Haupt-Motorradrouten auf unbefestigten Wegen kennenlernen. Piemont und Ligurien war das Ziel. Dort sollte es über den Colle de Finestre auf die Assietta Kammstrasse, die Maira-Stura-Kammstrasse, die Varaita-Maira-Kammstrasse und schließlich auf die Ligurische Grenzkammstrasse gehen. Klangvolle Namen, die eine Menge Offroad-Spaß versprechen.

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Bericht

Tag 1 – Anfahrt

Waiblingen – Lanslebourg-Mont-Ceniz (687 km)

Col de L'Iseran

Col de L’Iseran

8.15 Uhr Abfahrt bei Matze. Nach kurzen Besorgungen (Anziehen, Geld holen, Tanken, Spanngurte für den Tankrucksack bei Matzes Eltern holen) ging es los. Zunächst viel Autobahn und Schnellstraße bis Martigny um Strecke zu machen. Auf der A81 hatten wir ab und zu kleine Regenschauer, ab der Schweiz kam dann die Sonne raus. In Martigny änderten wir spontan den Plan und fuhren über den Grand und Petit St. Bernard. Ab hier machte das Fahren auch Spaß. Um 19:30 Uhr waren wir bei einbrechender Dunkelheit auf dem Col de L’Iseran bei weniger als 10 Grad. Das wir es nicht mehr wie geplant nach Susa schaffen war klar, aber auch absehbar, deshalb haben wir für die erste Nacht nichts vorgebucht. Allerdings gestaltete sich die Hotelsuche erstmal schwierig, da viele Hotels zu hatten. In Lanslebourg waren aber welche offen und zwei Schweizer Biker gaben uns noch einen Hoteltipp. Nach einem guten Abendessen vielen wir dann erschöpft ins Bett. Ich ins große Doppelbett, Matze zur Strafe ins Kleine.

Tag 2 – Colle de Finestre

Lanslebourg-Mont-Ceniz – Dronero (172 km)

Colle delle Finestre

Colle delle Finestre

Zunächst sah es heute Morgen vielversprechend aus, bewölkt aber trocken. Auf dem Mont Cenis änderte sich das schlagartig: Nebel und Nieselregen, vom See Lac du Mont Cenis nichts zu sehen. Es war rutschig und machte nicht wirklich Spaß. In Susa an der Tanke trafen wir eine Gruppe Biker aus Waiblingen, hauptsächlich GS Fahrer. Hab sie gleich zur Tafelrunde im GS-Forum eingeladen. Auch sie überlegten, ob die Schotterpisten bei dem Regenwetter Sinn machen. Matze und ich beschlossen auf jeden Fall den Finestre zu fahren und vor der Assietta zu sehen, wie es läuft. Der untere asphaltierte Teil vom Finestre war übel: Nass, Laub, Stollenreifen. Eine schlechte Kombination. Aber bei Trockenheit bestimmt klasse, Kehre nach Kehre, kaum eine Gerade dazwischen. Auf dem Schotterteil hatte ich gefühlt mehr Grip und es kam trotz Nässe richtig Spaß auf. Es war zwar zum Teil sehr neblig aber eine richtige Gaudi. Trotz der Nässe war der Finestre im Schotter leicht zu fahren.

Colle delle Finestre

Colle delle Finestre

Wie leicht stellten wir auf der Passhöhe fest. Wir trafen zwei Schweizer, mit einer RT und einem 18 Jahre alten BMW Gespann, beide mit Straßenreifen und sehr viel Gepäck. Wir kamen uns mit unserer Ausrüstung fast overdressed vor. Leider fing es in Strömen an zu regnen und wir beschlossen die Assietta zu canceln und auf dem schnellsten Weg nach Dronero ins vorgebuchte Hotel zu fahren. Das Hotel Valle Maira war nicht leicht zu finden, da die Schilder des Hotels kaum zu sehen waren. Es ist ein sauberes, gut ausgestattetes Hotel, das allerdings wenig Flair hat. Weißer Fliesenboden und weiße Möbel. Wir schauten uns den Ort mit seiner historischen Brücke an und verbrachten den Nachmittag in einem Kaffee. Abends hatten wir im Il Divin Bracere ein tolles mehrgängiges Abendessen mit Wein, das zusammen nur 63 Euro kostete. Respekt. Jetzt hoffen wir, dass Morgen besseres Wetter ist.

Tag 3 – Maira-Stura, Colle Liretta

Dronero – Dronero (185 km)

Schleife bei Elva

Schleife bei Elva

Heute Morgen sah das Wetter besser aus als Gestern. Die Strassen waren allerdings noch nass. So entschieden wir uns, die weniger anspruchsvolle Maira-Stura zu fahren und der Varaita-Maira, die nach Denzel 4-5 hat, noch einen Tag zum trocknen zu geben. Bei der Anfahrt zur Maira-Stura machten wir einen Schlenker über Elva. Eine irre kleine, verwinkelte Straße in den Bergen, die an Tremosine am Gardasee erinnert, nur viel länger. Die Fahrt zur Piste über Marmora und dem Colle die Morti war nicht mehr als ein asphaltierter Feldweg der durch die Kuhweiden führte.

Schleife bei Elva

Schleife bei Elva

Hier hatten wir auch den ersten Zwangsstopp da gerade Kühe ins Tal getrieben wurden. Nach dem Colle die Morti, an dem ein Denkmal für Marco Pantani steht, kam dann auch schon bald die Abzweigung zur Piste. Sie war nass, stand teilweise unter Wasser, war aber sehr einfach und entspannt zu fahren.

Kein Grund um Luft aus dem Reifen abzulassen. Man musste nur auf die Murmeltiere aufpassen, die ständig über den Weg rannten. Eines hätte ich fast überfahren. Vielen Menschen sind wir nicht begegnet, neben 4 Einheimischen nur 3 Touris. Bei den Treffen gab es ein großes Hallo und einen Informationsaustausch. Zunächst trafen wir einen Mountainbiker, der nicht viel langsamer war als wir.

Auf der Hälfte der Piste machten wir uns einen Kaffee. Hier trafen wir auf zwei Österreicher in einem witzigen Gefährt, eine Art Kübelwagen aus Österreich.

Maira Stura

Maira Stura

Bald war dann auch der geschotterte Teil zu Ende und wir waren wieder auf Asphalt. Um kurz nach 1 waren wir schon wieder im Tal und überlegten die Varaita-Maira gleich zu fahren. Wir fuhren über den Colle de Sampeyre zum Ausgangspunkt der Varaita-Maira in Venasca. Nach Elva hoch hatten wir in einem unbeleuchteten Tunnel eine unheimliche Begegnung. Meine Augen hatten sich gerade an die Dunkelheit gewöhnt, da sah ich das Unheil und musste hart in die Bremsen. Der Tunnel war auf ganzer Breite voll mit Kühen. Zum Glück waren wir nicht schnell unterwegs. Wir wendeten und warteten vor dem Tunnel bis die Herde vorbei war. Auf dem Weg hoch zum Pass mussten wir noch zweimal anhalten, da uns weitere Kühe entgegen kamen. So waren wir erst um 14:30 am Ausgangspunkt des Varaita-Maira Tracks und mussten feststellen, dass die Zeit zu knapp war die Varaita-Maira noch zu fahren. Wir suchten auf der Wanderkarte den direkten Weg über den Berg zum Hotel in Dronero.

Über den Colle Liretta

Über den Colle Liretta

Nicht alle Wege waren im Navi drin und so fuhren wir nach Karte. Als wir auf einem Bauerhof landeten gaben uns die Bewohner Tipps, wo wir am Besten lang sollten. Wir wollten eigentlich über den Colle Liretta, davon ruten sie aber ab. Matze meinte, die wissen nicht, was mit einer GS alles geht und wir sollten es trotzdem versuchen. Ich war skeptisch, habe es aber nicht bereut. Wir fuhren auf einem tollen Waldweg, der teilweise schmal, steil und ausgewaschen aber klasse war. Eine gute Entscheidung und ein tolles Erlebnis. Mittlerweile hatten wir auch blauen Himmel und Morgen verspricht ein toller Tag zu werden.

Tag 4 – Varaita-Maira

Dronero – Limone Piemont (220 km)

Varaita Maira

Varaita Maira

Was für ein Tag. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Das Wetter war klasse. Die Varaita-Maira war auch mit der GS gut zu fahren, zum Teil sehr holprig und in den schattigen Waldstellen noch nass. Zunächst modifizierten wir die Mopeds. Spiegel demontiert, Lenker hoch gestellt, Luft abgelassen und Federvorspannung hart eingestellt. Anfangs ging es auf lehmigen Boden durch den Wald, nach einem asphaltierten Stück ging der Schotter los.

Varaita Maira

Varaita Maira

Der Ausblick war grandios, mal in das Varaita, mal in das Maira Tal. Das Mittelstück war anspruchsvoller mit großen Steinen über die es sehr holprig bergauf ging. Hier hat das Material bestimmt etwas gelitten. Nach einem Stück mit weichem, tiefen Schotter, der schneeweiß und schön anzuschauen war, war der Boden wieder lehmig und leicht zu fahren. Hier machten wir an einem schönen Aussichtspunkt einen Kaffee. Wir trafen noch eine Gruppe Mopeds, die uns mit Koffern und Straßenreifen entgegenkamen. Na ja. Nach dem Colle de Sampeyre ging es noch 6 km in eine Sackgasse, die toll zu fahren war. Hier waren wir auch etwas zügiger unterwegs. Schließlich fuhren wir über Stroppo zurück nach Dronero, kehrten in ein Kaffee ein, holten die Koffer im Hotel und machten uns auf den Weg zum Tenda.

Varaita Maira

Varaita Maira

Im Kaffe trafen wir auch wieder die Gruppe von der Varaita-Maira. Nicht alle Mopeds sahen ganz frisch aus. Wir fuhren auf kleinsten Straßen, die uns noch mal über den Colle dei Morti führten. Diesmal bei Sonne und guter Sicht. Eine landschaftlich sehr reizvolle Strecke, die auch für Straßenmaschinen gut ist. Nach zwei weiteren Pässen mit kleinsten Straßen kamen wir in unserem Hotel Il Girasol kurz vor Limone Piemont an. Ein tolles Steinhaus mit viel Flair. Dieses Hotel ist wirklich ein guter Tipp. Jetzt schwanken wir zwischen den heutigen Erlebnissen und der Vorfreude auf Morgen.

Tag 5 – Ligurische Grenzkammstraße

Limone Piemont – Limone Piemont (200 km)

Forte Central

Forte Central

Heute haben wir bei bestem Wetter die LGKS in Angriff genommen. Los ging es am Fort Central. Das war bevölkert von einer Gruppe Landrover die hier gecampt haben. Zwei Münchner auf kleinen Einzylinderenduros haben wir auch getroffen. Die LGKS fing recht harmlos an und schlängelte sich durch eine tolle Landschaft. Auf solchen Strecken ist das Naturerlebnis viel intensiver. Die Strecke wurde bald sehr steinig mit weichem Schotter, großen Steinbrocken und Felsstufen.

Ligurische Grenzkammstrasse

Ligurische Grenzkammstrasse

Dank Drehmoment und Motorbremse war sie aber mit der GS gut zu fahren. Stellenweise dachte ich allerdings schon, oh je, hoffentlich gibt das keinen Platten. Hilfreich waren natürlich auch die Tipps, die ich vorher bekommen habe, z.B. dass man die berühmte Kehre außen anfahren soll, da sie innen sehr ausgewaschen ist. Der Südteil der LGKS war vorrangig durch Waldboden geprägt. Ab und zu gab es Bodenwellen, über die man ein kleines bisschen abheben konnte. Die einzigen, die wir auf der Strecke getroffen haben waren 3 Biker aus Ravensburg. Matze war irgendwann auf Reserve und die Sorge fuhr mit, dass der Sprit ausgeht.

Ligurische Grenzkammstrasse

Ligurische Grenzkammstrasse

Am Ende der Piste kehrten wir in einem Refugio ein und machten die Mopeds wieder straßentauglich: Spiegel dran, Lenker runter, Federvorpannung angepasst und mehr Luftdruck. Wir schafften es dann auch noch bis zu einer Tanke. Wir fuhren noch bis Ventimiglia und gingen an den Strand. Auf dem Rückweg zum Hotel fuhren wir auf der Südseite des Tenda die teilweise geschotterten Kehren hoch und schauten noch mal beim Fort Central vorbei. Hier trafen wir auch wieder die zwei Jungs aus München. Das Angebot mit ihnen auf Trampelpfaden bergab zu fahren schlugen wir aus und fuhren auf Asphalt zurück zum Hotel. Nach einem abermals phantastischen Abendessen versuchen wir nun die Eindrücke des Tages zu verdauen.

Tag 6 – Assietta

Limone Piemont – Val D’Isere (342 km)

Colle de Agnello

Colle de Agnello

Da wir noch genug Zeit hatten, beschlossen wir heute den auf der Anfahrt wegen Regen ausgelassenen Colle de Agnello und die Assietta zu fahren. Der Agnello war klasse, 2744 Meter hoch und saukalt. Auf dem Col d’Izoard stellte Matze fest, dass sein Lenker Spiel hatte. Wir hatten keinen Imbus um die Schraube am Lenkkopf festzuziehen. Wir suchten eine Werkstatt in Briancon auf, die wir dank eines Bikers im Ort gefunden haben. Der Mechaniker prüfte das Lenkkopflager, es war alles in Ordnung. Nachdem alles festgezogen war, konnte es auf die Assietta gehen. Wir fuhren sie von West nach Ost.

Assietta

Assietta

Sie ist einfach zu fahren, wir liesen es aber langsam angehen, da wir die Kofferträger bei den Unebenheiten nicht zu sehr strapazieren wollten. Es zog immer wieder Nebel auf und kurz vor dem Ende war die Strecke durch eine Baustelle blockiert. Wir fragten die Bauarbeiter, ob wir vorbei können. Daraufhin fuhren sie den Bagger auf die Seite und ließen uns durch. Nur den aufgehäuften Erdhügel mussten wir umschiffen.

Assietta

Assietta

Auf dem Finestre machten wir einen Kaffee, diesmal im trockenen. Der Finestre und der Mont Cenis scheinen etwas gegen uns zu haben. Die Nordseite des Finestre war wieder im Nebel und auf dem Mont Cenis regnete es. Zudem war die Straße saurutschik. Nach dem Cenis hörte es auf zu regnen, die Straße war aber immer wieder nass. In Val d’Isere suchten wir uns ein Hotel, da in Richtung Norden sehr dunkle Wolken bedrohlich zwischen den Bergen hingen. Kaum im Hotel fing es auch schon an zu regnen. Jetzt hoffen wir, dass es morgen besser ist und wir trocken nach Hause kommen.

Tag 7 – Heimfahrt

Vald’Isere – Waiblingen (645 km)

Als wir losfuhren, waren wir wegen dem Wetter zunächst skeptisch. Aber kaum waren wir über den Großen St. Bernard, wurde das Wetter gut. Auf dem Pass gönnten wir uns auf der italienischen Seite noch einen letzten Cappuccino bevor es dann ab Martigny wieder auf die Autobahn ging. In Bern machten wir einen Stopp zum Mittagessen, wir waren überrascht über die schöne Berner Altstadt. In Deutschland fuhren wir bis Villingen-Schwenningen auf kleinen Straßen durch den Schwarzwald um dann das letzte Stück wieder auf der Autobahn abzuspulen.

Fazit

Offroad in den Alpen. Ein ganz besonderes Erlebnis und man lernt die Alpen von einem ganz anderen Gesicht kennen. Aber auch auf Asphalt ist die Alpen-Region westlich von Turin unheimlich schön mit vielen kleinen Straßen. Ich würde das jetzt glatt als Geheimtipp bezeichnen. Zumindest ist nicht so viel los wie z.B. in den Dolomiten. Es liegt evtl. auch an der Jahreszeit, dass wir kaum jemandem begegnet sind. Von daher ist der September eine gute Zeit um so eine Reise zu machen. Wir haben uns für jeden Tag eine Kammstrasse vorgenommen um uns nicht zu überfordern bzw. um nicht unter Zeitdruck zu geraten. Im Nachhinein betrachtet hätten wir die Maira-Stura und die Varaita-Maira in einem Zug machen können, wenn wir sie gleich so angepackt hätten. Mit ein wenig Offroaderfahrung und etwas Kondition stellt das kein Problem dar. Ebenso ist die LGKS Nord und Süd an einem Stück gut machbar. Trotzdem macht es Sinn sich genug Zeit zu lassen um die Landschaft zu genießen, anzuhalten für schöne Kaffee-Pausen oder auch um nur Reserven zu haben falls doch mal etwas unvorhergesehenes passiert. Generell fährt es sich mit Zeit entspannter und grundsätzlich gilt, dass man mit sehr viel Rücksicht auf den Schotterpisten fahren soll. Immerhin gibt es hier auch Wanderer und Mountainbiker und mit mehr Rücksicht, haben wir alle auch die Chance, dass diese Strecken noch befahrbar bleiben und nicht gesperrt werden. Wir haben auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht, dass wir besonders langsam gemacht haben bzw. sogar angehalten haben, wenn uns Leute entgegengekommen sind um gefahrloser aneinander vorbeizukommen. Und immer schön freundlich Grüßen, egal, wen man sieht, dann haben wir alle noch viel Offroad-Spaß in den Alpen.

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Veröffentlicht unter Motorradtour, Reisebericht

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